Müssen sich Gedichte eigentlich immer reimen? Diese Frage hat mir kürzlich ein Kunde gestellt, und ich finde, sie lohnt sich, einmal genauer betrachtet zu werden. Viele Menschen verbinden Gedichte automatisch mit Reimen. Schon früh begegnen uns Reime in Kinderbüchern, Liedtexten oder klassischen Gedichtbänden. Sie klingen vertraut, sind leicht zu merken und schaffen eine angenehme Rhythmik. Doch bedeutet das, dass ein Gedicht ohne Reim kein „richtiges“ Gedicht ist?
Die kurze Antwort: Nein, ein Gedicht muss sich nicht reimen. Der Reim ist ein Stilmittel, das gezielt eingesetzt werden kann – aber eben kein Muss. Viele klassische Gedichte nutzen Reimschemata, weil sie den Text strukturieren, Klang und Rhythmus erzeugen und die Aussage oft noch einmal verstärken. Ein gut gesetzter Reim kann überraschen, eine Pointe setzen oder einen Gedanken auf den Punkt bringen. Gerade in der Kinderliteratur oder in Songtexten ist das ein wirkungsvolles Mittel.
Doch Reime können auch zur Herausforderung werden. Manchmal führt das Streben danach, ein passendes Reimwort zu finden, dazu, dass der Text unnatürlich oder gezwungen wirkt. Die Form dominiert dann den Inhalt, und das Herzstück des Gedichts – die Aussage, die Stimmung oder das Bild, das vermittelt werden soll – geht verloren. In solchen Fällen lohnt es sich, den Reim loszulassen und den eigenen Worten mehr Freiheit zu geben.
In der modernen Lyrik sind Gedichte ohne Reim längst etabliert. Die sogenannte freie Lyrik verzichtet bewusst auf feste Reimschemata und lebt stattdessen von Klang, Rhythmus und starken Bildern. Auch ohne Reim können Gedichte musikalisch klingen, fließend sein und eine besondere Atmosphäre schaffen. Hier geht es weniger um das Spiel mit dem Gleichklang, sondern vielmehr darum, mit Worten Emotionen zu wecken und die Lesenden in eine eigene Welt zu entführen.
Aus meiner Sicht als Lektorin gibt es deshalb keine Regel, die besagt, dass sich Gedichte reimen müssen. Entscheidend ist immer, was du mit deinem Text sagen möchtest. Passt ein Reim zu deinem Stil und unterstützt er die Wirkung deines Gedichts? Dann nutze ihn! Fühlt es sich jedoch gezwungen an oder schränkt es dich in deinem Ausdruck ein, dann ist es völlig legitim – und oft sogar befreiend – auf Reime zu verzichten.
Mein Tipp: Probiere dich aus. Schreibe Gedichte mit Reimen und solche ohne. Spiele mit Klang, Rhythmus und Worten, ohne dich von einer bestimmten Form einschränken zu lassen. Letztlich zählt nur eines: Dass deine Zeilen das ausdrücken, was du sagen willst.
Wie gehst du mit dem Thema um? Schreibst du lieber gereimt oder lässt du deinen Worten freien Lauf? Ich freue mich auf deine Gedanken dazu!